Tiere im Antiquariat

Hier finden Sie Büchertipps zu guten Romanen, Katzenbücher und Fachliteratur
Antworten
Benutzeravatar
Gast 55

Tiere im Antiquariat

#1

Beitrag von Gast 55 » Sa 17. Jan 2015, 14:36

Tiere im Antiquariat

Von Katzen, englischen Bulldoggen, Würmern und Mäusen. Erwünschte Gäste und unliebsame Eindringlinge im Antiquariat. Betrachtungen von Michael Eschmann.

Viele Antiquare sind bekennende Tierfreunde, ich bin auch einer. Die Wertschätzung zum Tier drückt sich bereits in der Namensgebung des Antiquariats aus: Bücherbär, Buchesel, Buchmaus, Leseratte, Rabe und Trüffelschwein sind nur eine kleine Auswahl.

Liebling des Antiquars: die Katze

An erster Stelle der Beliebtheitsskala steht die Katze, das 'heimliche' Wappentier dieses Berufsstandes. Warum gerade sie es geschafft hat, der 'Liebling' vieler Kollegen zu werden, ist unerforscht. Vermutlich liegt es an einer Art 'Seelenverwandtschaft'. Manches haben Antiquar und Katze gemeinsam: schwer in soziale Systeme integrierbar, bedingt nur erziehbar, stark ortsgebunden und je nach Temperament hat man es mit einem einsamen Jäger oder einem verfressenen, schläfrigen Typ zu tun.

Statt Katze eine englische Bulldogge?

Gleich nach der Katze folgt der Hund. Gibt es einen typischen Antiquariatshund? Dies ist schwer zu sagen. Ginge es nach mir, wäre es die englische Bulldogge. Bei ausländischen Kollegen ist diese stärker verbreitet, in deutschen Antiquariaten hingegen sehr selten zu finden, ich persönlich durfte nur ein Exemplar dieser Rasse kennenlernen.

Diesem Tier wird Unrecht getan, nicht nur, dass man ihm eine grimmige, beinahe unfreundliche Schnauze angezüchtet hat, nein, auch die bullige, kleine Statur, sendet falsche Signale: gefährliche Kampfbereitschaft. Dadurch gerät der Hund – übrigens, das einstige Aushängeschild der satirischen Zeitschrift 'Simplicissimus' – schnell in die Ecke aggressiver Artgenossen. In Wirklichkeit besitzt er ein gutmütiges, fast liebevolles Wesen, das erst spät zum Ausdruck kommt, auch hier gibt es Parallelen zu manchem Kollegen.

Die Eule, das 'offizielle' Wappentier der Buchhändler, ist hier nicht Gegenstand meiner kleinen Abhandlung. Die umfassende kulturgeschichtliche Bedeutung wäre einen eigenen Beitrag wert. Außerdem geht es mir um die emotionale Bindung von Mensch und Tier im Antiquariat. Einen Kollegen, der hingegen mit einer lebenden Eule zusammenleben durfte, ist mir bis heute nicht bekannt. Einen anderen Vogel allerdings, einen Papagei, gab es tatsächlich in einem Fall, hierzu folgt ein Extrabericht zu einem späteren Zeitpunkt.

"Fressorgien" von Wurm und Maus

Zwei Tierarten haben es im Antiquariat weit gebracht: Wurm und Maus. Ihr Erscheinen ist in Buchbeschreibungen dokumentiert und wird somit auch für zukünftige Generationen amüsant zu lesen sein. Man erfährt von einem "kleinen Wurmgang" und "kurzen Wurmgang" aber auch von einem "unwesentlichen Wurmgang". Besonders gut hat mir folgender Hinweis gefallen: "anfangs kleiner Wurmgang im weißen Rand, später nur noch als Wurmlöchlein (vorhanden)". Hier fragt man sich doch, was ging in dem Wurm vor? Hat er sich erst vollgefressen und ist dann plötzlich 'geschrumpft', um über die 'Hintertür', das sogenannte "Wurmlöchlein", abzuhauen?

Aber auch die Maus hat ihre Tücken, indem sie Belege ihrer Tätigkeit, eine Art genetischen 'Fingerabdruck', hinterlässt. "Spuren von Mäusefrass (Unschön!)", lese ich in einer Beschreibung, dabei quält mich die Frage: Gibt es auch 'schönen' Mäusefrass?

Bemitleidenswerte Opfer sind jedoch Bücher, die von beiden, Wurm und Maus, gleichzeitig angefallen wurden. In einer nächtlichen Fressorgie müssen diese zwei Tiere in einem 'Celluloserausch' versucht haben, einem armen Buch den Garaus zu machen. Aber irgendetwas oder vielleicht irgendjemand störte, nur so versteht sich der rettende Hinweis des schreibenden Antiquars: "nicht den Textteil betreffend". Hier entsteht der Eindruck, das verletzte Buch ist gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen und somit wird der ängstliche Leser nun endgültig aus seiner literarischen Knebelung befreit. Überhaupt, wie muss sich ein Kunde fühlen, wenn er solch eine angenagte 'Bücherleiche' auspackt?

Sichtbare und unsichtbare Plagegeister

Die Entomologie ist ein heikles Gebiet im Antiquariat. Gemeint ist nicht das Verkaufsgebiet der Insektenkunde, sondern das körperliche Erscheinen der Tiere selbst. Wobei man hier zwei Gruppen unterscheidet: die Unsichtbaren und die Sichtbaren.

Die erste Gruppe, die Unsichtbaren, wird quasi unfreiwillig, direkt ins Antiquariat eingeschleust. Ein kurzer Körperkontakt reicht völlig aus und man lernt sich schnell näher kennen. Wer jetzt noch glaubt "dies jucke ihn überhaupt nicht", irrt gewaltig, denn es juckt ihn recht bald sehr. Eine derart 'unheilige' Allianz kann nur durch einen Hautarzt wieder gelöst werden.

Die zweite Gruppe der Insekten ist medizinisch weniger gefährlich, aber trotzdem sehr nervig. Alleine durch ihr Gebrumme und Gesumme fällt sie unangenehm auf. Verklebte Kaffeebecher, Brötchenreste oder auch andere Leckereien sind beliebte Anflugsziele dieser Tiere, die entweder einzeln oder in kleinen 'Kampfformationen' ins Antiquariat eindringen.

Kellerüberraschung

Meine eigene Tierliebe wurde auf erschreckende Art und Weise bei einer Ankaufsreise in Wien auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Ich war in einem Antiquariat gelandet, das eine zweite Verkaufsabteilung im Keller hatte. Ein langer Gang, zugestellt mit Regalen und Bücherkisten führte in einen hinteren, schlecht beleuchteten Raum. Meine händlerische 'Spürnase' suggerierte mir, dass dort hinten etwas sei.

Ich sollte Recht behalten. Das kleine Zimmer hatte einen Kartenschrank gleich vorne am Eingang, dahinter verbarg sich ein großes Bücherregal. Schnurstracks ging ich darauf zu, in der Hoffnung, eine bibliophile Kostbarkeit zu bergen. Als ich mich bückte, war es für eine schnelle Umkehr inzwischen viel zu spät, ein großes Tier schaute mich neugierig an. Ich hatte das Schlafplätzchen einer deutschen Dogge entdeckt. Irgendwie schaffte ich es, mich aus meinem Schockzustand zu befreien. Nun aber stand das 'Herrchen' hinter mir, der Antiquar. In übelstem Schmäh maulte er mich an: "Was machen sie hier? Haben sie meinen Hund erschreckt?". Nein, hatte ich nicht, er blieb ganz ruhig. Aber für diesen Tag hatte ich die 'Schnauze' voll.

Michael Eschmann

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und
"Börsenblatt.net."


Quelle

Benutzeravatar
Gast 55

Re: Tiere im Antiquariat

#2

Beitrag von Gast 55 » Sa 17. Jan 2015, 14:37

Hallo zusammen

Mit Erlaubnis von Herrn Eschmann dürfen wir dies veröffentlichen.Ich finde beide Texte einfach nur klasse und freue mich sehr darüber.

Es wird sich jeder auf die eine oder andere Art wiederfinden. :wink:



Michael Eschmann und Fünkchen

"Katzen mögen schlaue Leute, deshalb fühlen sie sich bei Büchern wohl.

Sie sind die idealen Mitarbeiter fürs Antiquariat: Seit 11 Jahren betreibe ich mit drei Katzen ein Versandantiquariat in Griesheim, drei Kilometer von Darmstadt entfernt.
Meine Mitarbeiter kennen keine 35-Stunden Woche, keine Tarifverträge und keine Gehaltserhöhungen. Sie sind – und hier haben sie viel mit dem Antiquar gemeinsam – reine Individualisten: sie kommen und gehen wann sie wollen, sie legen sich da hin, wo es ihnen passt (leider manchmal auch auf die Computertastatur), oft schlafen sie während der Arbeitszeit auch einfach nur ein oder verspielen ihre Lebenszeit mit irgendwelchen
Verpackungsutensilien.

Im Innern sind sie die wahren Philosophen, ihr „Carpe diem“ besteht
darin, den Tag an sich vorüber ziehen zu lassen, jedoch wohl wissend, dass jeder Tag etwas
Einmaliges ist. So strecken sie sich faul in meinem Sessel aus, kein Umsatzrückgang kann
sie aus der stoischen Ruhe bringen, denn es ist doch klar, alles menschliche Tun hat seine natürlichen Grenzen.
Sie genießen einfach nur im Hier und Jetzt und geben durch ihr Dasein meinem (Berufs-) Leben eine unwiederbringliche Authentizität"

Michael Eschmann

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und
"Börsenblatt.net."


Quelle

Benutzeravatar
Herbstlaub
Mitglied
Beiträge: 489
Registriert: So 6. Mär 2011, 23:57
Sagst du uns deinen Vornamen?: Christine

Re: Tiere im Antiquariat

#3

Beitrag von Herbstlaub » Sa 17. Jan 2015, 14:37

Hmm,

also das Katzen die besten Mitarbeiter eines Antiquariats sein sollen wage ich zu bezweifeln! Ich kenne einen schwarzen Kater, der bei einem Antiquariat angestellt ist.

Der besage Kater hat die Angewohnheit, sich bei schönem Wetter draußen in die Kiste der Sonderangebote zu legen, wodurch man sie nicht durchsehen konnte - ich hab' dort jedenfalls nie ein Sonderangebot erstanden :?

Ganz anders hingegen verhält es sich mit Blumenladen oder Juweliers-Katzen! Diese legen sich dekorativ in die Schaufensterauslage und ziehen somit Kunden an!

Christine
[ externes Bild ]


"Wenn mein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus" Abraham Maslow

Benutzeravatar
Gast 55

Re: Tiere im Antiquariat

#4

Beitrag von Gast 55 » Sa 17. Jan 2015, 14:38

Hallo Christine
Ich kenne einen schwarzen Kater, der bei einem Antiquariat angestellt ist.
Du musst zugeben ein anspruchsvoller Job :wink:
Der besage Kater hat die Angewohnheit, sich bei schönem Wetter draußen in die Kiste der Sonderangebote zu legen, wodurch man sie nicht durchsehen konnte - ich hab' dort jedenfalls nie ein Sonderangebot erstanden :?
Tja ,ich finde das zeigt eindeutig -
auch Kater können Geschäftstüchtig sein.Der Junge denkt mit 8)

Benutzeravatar
Herbstlaub
Mitglied
Beiträge: 489
Registriert: So 6. Mär 2011, 23:57
Sagst du uns deinen Vornamen?: Christine

Re: Tiere im Antiquariat

#5

Beitrag von Herbstlaub » Sa 17. Jan 2015, 14:38

Christiane hat geschrieben:Hallo Christine

Tja ,ich finde das zeigt eindeutig -
auch Kater können Geschäftstüchtig sein.Der Junge denkt mit 8)
Na ja, während der Arbeitszeit AUF der Ware zu SCHLAFEN .... wenn ich mir das auf Arbeit jemals geleistet hätte hätte ich mindestens ne Abmahnung bekommen :?

Die Blumenladen-Katzen dagegen hatten ein Körbchen im Schaufenster und betätigten sich als lebende Maneki-neko und lockten somit Kunden ins Geschäft.

http://de.wikipedia.org/wiki/Maneki-neko

christine
[ externes Bild ]


"Wenn mein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus" Abraham Maslow

Benutzeravatar
Rafael
Mitglied
Beiträge: 5286
Registriert: Mo 6. Jun 2011, 01:29

Re: Tiere im Antiquariat

#6

Beitrag von Rafael » Sa 17. Jan 2015, 14:38

Ich finde es schon geschaeftstuechtig. Du hast doch vermutlich trotzdem ein Buch gekauft, nur eben kein Sonderangebot. Selbst wenn Du urspruenglich an der Kiste mit den Sonderanbeboten interessiert warst.
Sozusagen ein Lockangebot im wahrstein Sinne des Wortes... ist der Kunde erst mal da, kauft er auch was.. nur eben etwas Teureres...

Rafael

Benutzeravatar
Gast 55

Re: Tiere im Antiquariat

#7

Beitrag von Gast 55 » Sa 17. Jan 2015, 14:38

Na ja, während der Arbeitszeit AUF der Ware zu SCHLAFEN .... wenn ich mir das auf Arbeit jemals geleistet hätte hätte ich mindestens ne Abmahnung bekommen :?
Tja siehste-hättest Du zartestes Fellchen am Körper , könntest schnurren wie ein Weltmeister-wäre es kein Thema . :lol:
Die Blumenladen-Katzen dagegen hatten ein Körbchen im Schaufenster und betätigten sich als lebende Maneki-neko und lockten somit Kunden ins Geschäft
Du wieder....und deine Maneki-Winke Katze

Benutzeravatar
Herbstlaub
Mitglied
Beiträge: 489
Registriert: So 6. Mär 2011, 23:57
Sagst du uns deinen Vornamen?: Christine

Re: Tiere im Antiquariat

#8

Beitrag von Herbstlaub » Sa 17. Jan 2015, 14:39

Christiane hat geschrieben: Du wieder....und deine Maneki-Winke Katze

Pufüüt, so oft habe ich die Maneki doch nicht erwähnt, oder?!?

Die Blumenladen- und Antiquariats-Katzen wohnen in einer anderen Stadt, aber vielleicht schaffe ich es ja, ein Bild der Juweliers-Katze zu machen, mal sehen?

christine
[ externes Bild ]


"Wenn mein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus" Abraham Maslow

Benutzeravatar
No-Name

Re: Tiere im Antiquariat

#9

Beitrag von No-Name » Sa 17. Jan 2015, 14:39

Rafael hat geschrieben:Ich finde es schon geschaeftstuechtig. Du hast doch vermutlich trotzdem ein Buch gekauft, nur eben kein Sonderangebot. Selbst wenn Du urspruenglich an der Kiste mit den Sonderanbeboten interessiert warst.
Sozusagen ein Lockangebot im wahrstein Sinne des Wortes... ist der Kunde erst mal da, kauft er auch was.. nur eben etwas Teureres...

Rafael
Find ich auch :nicken :lol:

Benutzeravatar
wofritz
Mitglied
Beiträge: 2272
Registriert: Sa 26. Feb 2011, 18:37
Sagst du uns deinen Vornamen?: Wolfgang

Re: Tiere im Antiquariat

#10

Beitrag von wofritz » Sa 17. Jan 2015, 14:40

Sehr hübsche Texte und passend mindestens zu dem einzigen Antiquariat das ich kenne.

Das ist der "Internationalismus-Buchladen" im Univiertel in Hannover. Der existierte schon zu meiner Studienzeit, also vor mehr als 25 Jahren, und als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal nach dem Studium wieder in dem Viertel war, durfte ich zu meiner Freude sehen, dass es den Laden heute noch gibt - mit immer noch dem selben handgemalten Ladenschild, das inzwischen natürlich sehr verblasst ist. Der Laden ist das reine Chaos und somit ein Katzenparadies. Ob der Besitzer eine Katze hat, weiß ich nicht. Mäuse hat er aber ganz sicher.

Nun stand letzte Woche in der HAZ ein Bericht über Antiquariate bzw. über deren Verschwinden aufgrund der Online-Antiquariate. Und dort wurde eben dieser Internationalismus-Buchladen samt Besitzer vorgestellt als eines der wenigen noch existierenden.

Wolfgang

Antworten

Zurück zu „Buchtipps“